Gehirnwäsche und Rassenlehre


Ex-Neonazi Manuel Bauer erzählt von seiner Jugend in Ostdeutschland

Ettlingen. „Unter Staatsfeinden – Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene“, so lautete der Titel eines autobiografischen Vortrags am Freitagabend in der Scheune der Diakonie. Auf Einladung der Ettlinger Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen begrüßte Beate Hoeft, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Manuel Bauer, der einen tiefen Einblick gab in die rechtsradikale Szene, in die er als Zehnjähriger hineingerutscht war und aus der er 2006 begonnen hat, auszusteigen. 

Anarchie, jugendliche Aufmüpfigkeit und Gehirnwäsche kennzeichnen den Bericht Bauers, der den Zusammenbruch der DDR im „Friedensterritorium“ seines kleinen Heimatdorfs Polbitz bei Torgau an der Elbe in Sachsen erlebt hat.

Nach einem DDR-typischen Lebenslauf mit Stationen in der Freien Deutschen Jugend („wir waren hörig, wir lernten, wie man Befehle befolgt“) zunächst als Jungpionier, dann als Thälmannpionier, erlebt er mit, wie die Kühe der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in der seine Eltern gearbeitet haben, abgeholt werden.

Als alle Ställe leer waren, hätten sie ein Grillfest gemacht. Da habe er erstmals gesehen, wie sein Vater weinte. Ein Wechselbad aus Euphorie über die offene Grenze und große Ungewissheit habe geherrscht. 

Als seine ehemaligen Pionierfreunde mit Glatze und Springerstiefel ankamen, sei er noch „Mitläufer und Nachredner“ gewesen. Mit 14 zieht Bauer nach. „Rechts zu sein war Trend, war Anarchie.“ Und lässt sich eine Glatze rasieren.

Die aufpeitschende Musik von Bands wie Störkraft oder Endstufe „weckt Gefühle“ und habe so ihr Übriges beigetragen. In Schulungen wird Gehirnwäsche betrieben und Rassenlehre und Evolution „gelehrt“: Wer ist minderwertig, wer intelligent? Manuel Bauer macht in der Szene „Karriere“, wird Kameradschaftsführer. Wegen Körperverletzung wird er schließlich unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen.

Dann gründet er Wehrsportgruppen. Aus „Kameradschaft und Gruppenzwang“ hinterfragt er sein rechtsradikales Weltbild nicht. Überfälle auf „Volksschädlinge“ wie eine indische Familie, die er brutal zusammentritt, folgen. 2001 kommt er in Haft. Dort holt er den Hauptschulabschluss nach und macht eine Maurerlehre.

Die Initiative Exit Deutschland ist ihm seit neun Jahren behilflich, aus dem Rechtsextremismus auszusteigen. „Es gab nicht ein spezielles Ereignis, das mich zur Umkehr bewegt hat, sondern viele kleine“, so Bauer auf eine Frage aus dem Publikum.

Dabei hat Bauer seit er zwölf Jahre alt ist, mit dem Mann seiner Tante einen Onkel aus Mosambik, den er sehr mochte. Aber in seiner Jugend ignorierte und verheimlichte er es. Durch Zufall traf er den Onkel 2020 in Stuttgart wieder und war überglücklich.

In seinem neuen Leben wohnt Manuel Bauer jetzt im Süden, hat seinen Namen aber behalten. Er sagt: „Öffentlichkeit gibt Schutz.“ 

Service

Manuel Bauer, „Unter Staatsfeinden“, 192 Seiten, 17,99 Euro, Münchner Verlagsgruppe, ISBN: 978-3-86883-239-6

Quelle BNN 21. Mai 2024 Seite 26

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren